Zum Tor finden

Mutiges Erspüren neuer Wege

© Dr. Simone Meller, Prosa 2012

 

 

Wenn das Neue ein Tor ist, durch das du gehen wirst, um von hier nach dort zu kommen: kannst du spüren, um was für ein Tor es sich handelt? Vorsicht, überforme es nicht mit deinem Verstand, der gerne kurzen Prozess machen und Handfestes vorweisen möchte. Wenn du nur eine leise Ahnung hast, so belasse es dabei. Beobachte diese Ahnung still und freundlich wie ein kleines Kind, das selbstvergessen zu deinen Füßen spielt und dabei auf seine ureigene Weise reift.


So wirst auch du in diesem Schwellenprozess reifen und Schritt für Schritt deinem Tor entgegen gehen. Mal wird es dir unendlich weit weg und mal zum Greifen nahe scheinen. Das Wichtigste ist, stets mit der Realität im Hier und Jetzt verbunden zu sein. Wenn du in diesem Moment, da du diese Zeilen liest, in dich hinein lauschst, was ruft jetzt gerade in diesem Augenblick in dir nach Leben?

 

 

 

 

Vielleicht magst du es aussprechen oder aufschreiben – nur für dich – und spüren, wie sich dein gesamter Organismus dabei entspannt, einfach nur, indem du achtsam und wahrhaftig mit dir selbst bist. Diese Haltung zu dir selbst ist dein Kompass auf deinem Weg zu deinem Tor.


Wenn du nicht weißt, wie du dorthin kommen kannst, oder wenn du dich verirrt hast, so beruhige deinen Verstand und fühle fühle tief, ganz tief in dich hinein: Was will jetzt in diesem Augenblick in dir ans Licht kommen? Ist es ein unbequemer Gedanke, die Idee, jemanden zu kontaktieren, der Wunsch nach einer Grenze oder die schlichte Erkenntnis, dass du zum Staubsauger greifen solltest?

 

Lass dich beim Ent•hüllen deiner Lebensimpulse nicht von Angst, Scham oder Ehrgeiz austricksen. Versuche, vor dem zu Ent•deckenden weder zurückzuweichen noch die Flucht nach vorn anzutreten. Sei mit dem, was da ist, und beobachte, was geschehen will. Je mehr du auf diese Weise ans Licht kommen lässt, desto leichter und spielerischer wirst du dein Tor erreichen.

 

 

 

 

Aber auch solche Phasen, die dem Durchschreiten eines Nadelörs gleichen, gehören dazu. Egal, wie eng es scheint, in der Mitte des Nadelörs gibt es ein Loch und wenn du durch bist, wirst du erkennen, dass der vermeintlich enge Raum die ganze Zeit über weit war. Du hast eine läuternde Erfahrung gemacht und reist mit weniger Gepäck und mehr Klarheit auf dein Tor zu.

 

Es gibt zwischen deinem Hier und deinem Dort eine Anziehung, du kannst es nicht verfehlen, du hast nur die Wahl zwischen verschiedenen Wegen. Manche dauern länger, manche kürzer. Manche schmerzen, andere machen Freude. Manche sind verbissen und anstrengend, andere sind spielerisch und leicht.

 

Oftmals sind die Wege bunte Mischungen aus all dem Genannten. Ab und zu scheint sich die Richtung total zu ändern, bis du erkennst, dass du einfach nur eine Serpentine genommen hast. Sei gewiss, dein Tor ist so elastisch, es lässt dich nicht im Stich, es wartet auf jedem deiner Wege bis zu dem Tag, da du es mit klopfendem Herzen durchschreiten wirst und staunend das neue Reich dahinter betrittst.


 

 

 

Bemerke all deine Träume und komme immer wieder im Hier und Jetzt an. Was ist in diesem Augenblick zu tun oder zu lassen? Vielleicht fühlst du dich spontan von bestimmten Fotos, symbolhaften Gegenständen oder Fundstücken in der Natur angezogen. Vielleicht besucht dich ein Tier oder im Radio wird dein Lied gespielt.

 

Gib dem nach, das sind Hilfen, um dein Vertrauen in deine intuitive Führung zu stärken. Das Neue ist größer als dein Verstand es fassen kann, er wird immer hinterherhinken. Da tut es gut, sich wie bei einer Schnitzeljagd von einem Zeichen zum nächsten hangeln zu können. Und wenn es dir mal völlig reicht, du die Nase voll hast und dir alles zu viel ist, so darf auch dieses sein. Es gibt keine Verbote auf dem Weg zu deinem Tor.

 

Das einzige Hindernis wirst manchmal du selbst sein. Das sind dann die Momente, in denen du dich einfach still hinsetzen oder auf dem Sofa zur Ruhe kommen kannst. Denn wisse, der Raum ist weit, die Lösung schon da, nur dir erscheint es wie ein Nadelör.

 

 

 

 

Möge dich die nächste Fliege, die immer wieder gegen die Scheibe fliegt, anstatt daneben das sperrangelweit geöffnete Fenster zu nehmen, daran erinnern! Möge dich jeder Stau, in dem du feststeckst, oder jede Kassenschlange im Supermarkt daran erinnern: Es geht immer weiter und dort, wo es gerade stockt, lohnt es sich, zu verweilen und in den inneren Geburtskanal hinein zu tasten: Was – was genau kommt jetzt in diesem Augenblick zu dir herein?

 

Manchmal musst du aus dem Verkehr gezogen oder so irritiert werden, damit du dich öffnest, für das, was kommen will. Denn zwischen deinem Hier und deinem Dort gibt es eine Anziehung. Nicht nur du gehst zu ihm, sondern ES kommt zugleich zu dir. Das ist das Tor. Du bist dein Tor. Welch schöner Anblick!