Was immer dich bewegt, ich bin für dich da

In Zeiten von 2G und 2Gplus gehen manche Geschäfte dazu über, ein Schild aufzuhängen, auf dem geschrieben steht: “Hier ist jeder willkommen”. Auch ich trage mich seit Wochen mit dem Impuls, dir zu schreiben, dass du, egal, was du gerade angesichts Corona und der gesellschaftlichen Spaltung erfährst, sicher sein kannst, dass du bei mir mit deiner Meinung willkommen bist und respektiert wirst. Das Gespräch mit einer sensiblen jungen Frau aus Deutschland gab mir heute den letzten Schubs.

Ich bin weder eine Impfgegnerin noch eine Impfbefürworterin. Weder folge ich dem Glauben, dass die Corona-Krise mit einer landes- oder gar europaweiten Impfpflicht aus der Welt geschafft würde, noch leugne ich das Risiko (an Corona) zu erkranken oder gar zu sterben. Über die Bedeutung von Krankheit, ihre gesellschaftliche Legitimität und einen individuell stimmigen Umgang mit Lebensrisiken und den eigenen Gefühlen habe ich im Jahr 2008 meine gesundheitspsychologische Doktorarbeit in Buchform veröffentlicht. Eigentlich ging es um Salutogenese (die Entstehung, Förderung, Wiederherstellung und Aufrechterhaltung von Gesundheit), aber mir wurde beim Forschen und Schreiben klar, dass ich dieses Thema nicht abhandeln kann, ohne einen warnenden Exkurs über totalitäre Tendenzen im Namen der Gesundheit zu schreiben.

Respekt vor deinen Gedanken und Gefühlen

Ich begleite dich, wenn du Corona hast, geimpft oder ungeimpft. Egal, ob du einen schulmedizinischen oder einen alternativen Weg gehst. Ich begleite dich, wenn du dich in regelmäßigen Abständen impfen lässt. Und ich begleite dich, wenn du das nicht (mehr) willst, sei es aus Sorge um Leib und Leben oder weil du einfach ein ganz anderes Gesundheitsverständnis hast. Ich begleite dich, wenn du die Impfung eigentlich nicht möchtest, aber aus sozialen oder wirtschaftlichen Gründen derzeit keinen anderen Weg siehst. Ich begleite dich, wenn du deinen Nachweis natürlicher Immunität in ein Genesen-Zertifikat umwandeln lassen möchtest. Bitte leite aus keiner meiner eben oder gleich noch genannten Toleranzen eine Empfehlung ab!

Ich begleite dich, wenn Corona Leid über deine Familie gebracht hat. Ich begleite dich, wenn der Lockdown einen unwiderruflichen Teil deines (jungen) Lebens oder deine wirtschaftliche Existenz zerstört hat. Ich begleite dich, wenn du einen Ausweg suchst, d e i n e n  Weg in dieser Pandemie, in der so vieles, was gesund halten könnte, verboten ist. Ich begleite dich, wenn dir die Restriktionen trotz ihrer Nebenwirkungen nicht weit genug gehen, weil du eine andere Wertehierachie hast. Merkst du? Mir ist es egal, welche Gedanken du mir offenbarst, ich respektiere deine Gefühle und helfe dir, das zu wandeln, woran du persönlich ganz konkret leidest.

Meinungsvielfalt und Diskurs

Das A und O von demokratischen Gesellschaften ist die Vielfalt auf Basis einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Auf dieser Basis dürfen alle eben genannten Positionen und noch viele mehr nebeneinander stehen – auch wenn man sich vielleicht manchmal wünscht, der andere würde genauso denken wie man selbst. Aber ein gesundes und demokratisches Wir setzt sich aus vielen gesunden und individuellen Ichs zusammen. Das braucht Geduld und Beharrlichkeit!

Der Zwang zu einer Einheitsmeinung wird keinen Frieden bringen. Frieden entsteht immer dort, wo ein intensiver Diskurs stattgefunden hat (sei es antizipierend mit sich allein oder real mit anderen). Wo er unterdrückt wird, kehrt Friedhöflichkeit ein und die Vielfalt erfriert. Mit ihr die Kreativität und alternative Lösungen. Beides brauchen wir aber als Gesellschaft, nicht zuletzt in diesen Zeiten!

"Nicht jeder, der nach Indien fährt, entdeckt Amerika" (Erich Kästner)

Auch die Geschichte lehrt uns, dass wissenschaftliche Meinungen kommen und gehen und dass auch dort wie in jeder anderen Profession geirrt und gemenschelt wird. Die Faktenlage kann sich jeden Tag ändern – halten wir unseren Geist also beweglich!

Was wünschst du dir...?

Spinat ist zwar in Maßen für einige Menschen gesund, aber er enthält bei weitem nicht so viel Eisen, wie man einst vor der Entdeckung jenes Kommafehlers dachte und wegen dessen einige von uns gezwungen wurden, unter Würgen den damals populären Rahmspinat aus der Tiefkühltruhe zu essen. Übrigens hat sich die Erde letztlich doch nicht als Scheibe entpuppt und Kolumbus war kein Spinner, als er die Erdkrümmung beobachtete und deshalb in westliche Richtung nach Indien aufbrach.

Er hatte sogar Recht damit, dass die Erde kugelig ist. Aber auch er irrte, nämlich als er glaubte, indischen Boden zu betreten! Es gab eine Zeit, in der das Fahren mit der Eisenbahn wegen der Auswirkung der hohen Geschwindigkeit auf die Organe als gefährlich galt. Heute fliegen wir um die Welt. Ich gehöre zu der Generation, der bereits im Kindesalter ohne Betäubung die Zähne aufgebohrt und Amalgam-Plomben gesetzt wurden. Heute will die fast niemand mehr haben. Beim Entfernen solcher Altlasten werden Sicherheitsvorkehrungen getroffen, die man damals für völlig unnötig hielt.  Psychische Zwangsstörungen (zum Beispiel Waschzwänge, übertriebene Infektionsängste, endlose Gedankenschleifen etc.) galten lange Zeit als unheilbar, mittlerweile gibt es sehr gute Therapieerfolge. Ich kenne totgesagte Menschen, die über ärztliche Prognosen hinaus gelebt haben oder sogar geheilt sind.

Geistige Beweglichkeit fördern

Was lehrt uns das? Dass wir nichts wissen und niemandem trauen können? Nein, es lehrt uns demütig und bescheiden mit dem umzugehen, was wir zu wissen glauben, denn morgen kann es schon ganz anders aussehen. Es lehrt uns, Informationen und Quellen zu vergleichen und unsere Intuition zu befragen. Es lehrt uns, einzuräumen, dass wir fehlbar sind und irren können, und dass es deshalb gut ist, die Meinung der Andersdenkenden zu hören und auf angemessene Weise zu berücksichtigen. Es lehrt uns, nichts und niemanden auf eine Prognose festzuschreiben, sondern allenfalls zu sagen: "ICH kann mir gerade nicht vorstellen, dass es für dich/uns/etc. einen anderen Weg gibt. Aber ich will meinen Geist dafür offenhalten, wenn du eine Alternative findest."

Wir tun gut daran, unsere Kinder, Kolleginnen, Nachbarn und Freunde zu lehren, dass sie uns widersprechen dürfen. Dass ihnen Dinge einfallen, an die wir gar nicht gedacht haben. Wir tun gut daran, uns mit Andersdenkenden auseinanderzusetzen und gemeinsam Lösungen zu finden, auf die wir alleine nicht gekommen wären. Wir tun gut daran, uns mit konstruktiv im Dialog stehenden Menschen zu vernetzen und Abstand zu wahren zu Menschen, in deren Gegenwart kein Platz für ein zweites Ich ist und/oder die uns ohne dialogisches Erkenntnisinteresse weismachen wollen, wir seien verrückt.

Was ist für deinen Körper liebevoll?

Weder bist du verrückt, wenn du dich impfen lässt, noch wenn du es bleiben lässt. Du bist einfach ein Menschenkind, das sich seinen Weg durch eine unübersichtliche und verwirrende Zeit bahnt. Vielleicht entscheidest du richtig, vielleicht bedauerst du später deine Entscheidung. Der Punkt ist, dass du entscheiden d a r f s t , was sich für deinen Körper liebevoll anfühlt und was nicht, und dass du an deiner ureigenen Entschiedenheit reifst!

In diesem Sinne wünsche ich dir die Kraft und den Mut, deinen Weg zu gehen!

Deine Simone

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