Heilende Besinnung

Selbstverwirklichung
als salutogenetisches Prinzip

© Dr. Simone Meller, Kurzexposé (2017-b) zum Buch (2008)

 

 

Vorwort


Wenn man krank ist, treten häufig Selbstzweifel auf, zum Beispiel: Warum ausgerechnet ich? Habe ich etwas falsch gemacht? Was werden die anderen denken? Werde ich leiden?” Und bei vitaler Bedrohung: “Wie viel Zeit bleibt mir? Lohnt es sich zu kämpfen? Wer steht mir bei? Wer hält meine Ängste aus? Wor­auf darf ich hoffen?” Ernsthafte Krankheit kann Ausgangspunkt einer mehr oder weniger bewusst einge­standenen Krise sein, die aber bei genauerer Betrachtung oft schon früher eingesetzt hat. Helfen kann eine ganzheitliche Sicht, in der Krank­heit nicht als Feind, sondern als Freund gesehen wird, die den Erkrankten auf etwas aufmerksam macht, was sich derzeit seinem Bewusstsein entzieht, aber unweigerlich zu ihm gehört und bei Beachtung heilend wirkt (Teegen, 1983; LeShan 1993; Meller, 2008). Um dies nicht nur intuitiv und erfahrungsbasiert zu bejahen, sondern auch rational durchdringen und damit gesellschaftspolitisch zum Wohle immer mehr Menschen nutzen zu können, brauchen wir einen gesundheitspsychologischen Denkrahmen, der uns die Einheit von Leib und Seele plausibel macht.

 

Das hier vorliegende Kurzexposé entspricht circa 12 konventionell formatierten DINA-4-Seiten und stellt einen didaktisch stark vereinfachten Schnelldurchgang meiner rund 450 Seiten umfassenden und im Buchhandel erhältlichen Dissertation (Meller, 2008) dar, indem es komplexe Herleitungen, Analysen und kontrastierende Exkurse weglässt und sich auf den roten Faden der Grundidee konzentriert. Die Motivation dazu entstand knapp neun Jahre später aus meinem Bedürfnis nach Verdichtung (ich war mit der Herausforderung konfrontiert, meine Gedanken auf Spanisch begreiflich zu machen) und Selbstüberprüfung (ich wollte mit dem durch die Jahre gewonnenen Abstand noch einmal neu auf das Geschriebene blicken).

 

Am Ende stellte ich fest, dass ich weder die Lang- noch die Kurzfassung bevorzuge, sondern sich beide ergänzen, obwohl ich trotz meiner persönlichen Weiterentwicklung keine neuen Inhalte hinzugefügt habe: Etwas sehr kurz zu sagen ist als Autorin manchmal nur möglich, wenn man es vorher sehr ausführlich gesagt hat. Und das Ausführliche kommt dem Leser vielleicht in einem zweiten Anlauf neu und anders entgegen, wenn die Grundidee einmal zügig nachvollzogen wurde. Wie dem auch sei, für Fragen und Anmerkungen stehe ich gerne zur Verfügung.

 

Dieses Kurzexposé gliedert sich in fünf Teile. Ich beginne in Abschnitt 1 mit der Skizzierung zentraler Schwierigkeiten der Gesundheitspsychologie beim Erforschen personaler Ressourcen, gefolgt von meiner Zielformulierung in Abschnitt 2. Die Umsetzung als Dreischritt findet man in Abschnitt 3, der sich eine kleine Diskussion (Abschnitt 4) und ein kurzer Forschungsausblick (Abschnitt 5) anschließen. Im Fließtext werden Fußnoten verwendet (aus technischen Gründen als Ziffern in eckigen Klammern dargestellt). Um diese lesen zu können, bitte auf die entsprechenden Ziffern klicken.

 

 

1. Ausgangspunkt


Gesundheitspsychologische Probleme bezüglich der Salutogenese

 

Gibt es unheilbare Krankheiten? Angesichts degenerativer Erkrankungen (zum Beispiel bestimmte Formen von Krebs, Demenz etc.) und chronischer Zivilisationskrankheiten (zum Beispiel Allergien, Diabetes etc.), die medizinisch nur symptomatisch behandelbar sind, wirkt diese Frage naiv. Das ändert sich, wenn man zur Kenntnis nimmt, was sich medizinisch nicht erklären lässt: Zum Beispiel die gerne ignorier­ten Spontanremissionen in der Onkologie (Hoc, 2005) oder der Placebo-Effekt, der so beeindru­ckend ist, dass ihn niemand in Zweifel zu ziehen wagt (Weil, 1988; Walach, 2002; Sheldrake, 2006). Beide Phänomene zeigen, dass Heilung keine alleinige Domäne der Medizin ist, sondern eine „geheime Weisheit des Körpers“ (Weil, 1988, S. 99), der alle Heilkundigen sämtlicher Professionen nur den Weg ebnen können. Deshalb treten in der salutogenetischen[1] Herangehensweise die psychosozialen Res­sourcen in den Mittelpunkt.

 

In der Gesundheitspsychologie persistiert seit den 70er Jahren die Idee eines engen Zusammenhangs zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Gesundheit, obwohl sich dieser unter anderem aufgrund von „Konstruktüberlappungen und pseudoempirischen Zusammenhängen“ (Weber, 2005, S. 144) nicht überzeugend nachweisen lässt (Weber, 2005). Außerdem widersprechen sich Studienergebnisse: Einige zeigen, dass Optimisten die gesundheitsförderliche Fähigkeit zum flexiblen, situationsangepassten Einsatz unterschiedlicher Coping-Strategien zuzuschreiben ist (Aspi­nwall, Richter & Hoffmann, 2001), während andere aussagen, dass Optimismus zwar bei an Multi­pler Sklerose erkrankten Patienten mit besserer psychischer Funktionstüchtigkeit einhergeht, jedoch bei Parkinson-Patienten nicht bedeutsam ist (de Ridder, Schreurs & Bensing; 2000).

 

Nie­derschmetternd scheint auf den ersten Blick die Studie von Amelang und Schmidt-Rathjens (2003) zu Persönlichkeit, Krebs und koronaren Herzerkrankungen, die den vielsagenden Untertitel „Fiktio­nen und Fakten in der Ätiologieforschung“ trägt: Die Korrelationen zwischen Persönlichkeitsmerk­malen und manifester körperlicher Erkrankung sind gering. Bei einer Stichprobengröße von 5.133 Männern und Frauen sind nicht mehr als 1 bis 2 Prozent der Gesundheits-Krankheits-Varianz auf differenzial-psychologische Variablen zurückzuführen. Die Autoren schlussfolgern, dass die Bedeutung der psychologischen Merkmale (im Vergleich zu den biomedizinischen Risikofaktoren) zurückgegangen sei, und halten diesbezüglich weitere For­schungsbemühungen für überflüssig. Allerdings widersprechen ihre Ergebnisse klinischen Erfah­rungs­berichten. Zum Beispiel beeindruckt LeShan (1993) in seiner therapeutischen Arbeit mit medi­zinisch hoffnungslos schwer erkrankten Menschen: Er schildert günstige Krankheitsverläufe und so­gar vollständige Heilungen! Sein zentraler Ansatzpunkt ist die eigene Lebensmelodie”, nach der zu le­ben, gesundheitsförderlich ist. Wenn man diese Lebensmelodie nicht erhört, entsteht Stress und dieser schwächt das Immunsystem derart, dass das Risiko einer Krebserkrankung steigt (LeShan, 1993; Simonton, Simonton & Creighton, 2007). Hingegen wirkt es heilsam, sich selbst zu finden und das Leben zu entdecken, das den innersten Bedürfnissen entspricht. Dieser Ansatz weckt Assozia­tionen an Konzepte von Selbstverwirklichung und übersteigt damit das im Hauptstrom der Ge­sundheitspsychologie vorherrschende Denken, dass Gesundheit vorwiegend als Produkt von gelun­gener Anpassung versteht (Paulus, 1994; Schorr, 1995).

 

Bezüglich personaler Ressourcen dominieren in der Gesundheitspsychologie bislang fünf Wirkhypothesen (Weber, 2005; Segerstrom, 2000; Wiebe & Smith, 1997): Positive Affektivität und positive Erwartungen korrelieren

  1. mit günstigen kardiovaskulären und neuroimmunologischen Parametern,
  2. mit gesundheitsförderlichem Verhal­ten (zum Beispiel weniger Konsum von Nikotin),
  3. mit kürzerer Dauer von Belastungen (wegen schnellerer Problemlösung) und
  4. mit der Selektion gesundheitsfördernder Umwelten.
  5. Auch können Persönlichkeitsmerkmale das Krankheitsverhalten beeinflussen, also die Wahrnehmung von Symptomen und die Initiierung von entsprechendem Verhalten.

Der praktische Ansatz von LeShan (1993) geht insofern über die eben genannten Wirkhypothesen hinaus, als dass er die Gestaltung eines persönlich stimmigen Lebens (im Unterschied zu einem gesunden Leben) fokus­siert. Anders ausgedrückt: Positive Affektivität und positive Erwartungen im Sinne der Wirkhypothesen reichen nicht aus, wenn die eigene Lebensmelodie verfehlt wird. Hohe Ausprägungen in Persön­lichkeitsmerkmalen wie Optimismus oder Kohärenzgefühl schützen nicht, wenn man kontinuierlich Stress produziert, indem man ein unstimmiges Leben lebt. Hier sehe ich einen Grund, warum eine ge­sundheitspsychologische Modellbildung, die Persönlichkeit zu einer mechanischen Matrix aus Denk-, Fühl- und Verhaltensmustern degradiert, keine konsistenten Forschungsergebnisse erbrin­gen kann.

 

 

2. Ziel


Selbstheilungen gesundheitspsychologisch erklärbar machen

 

Allerdings weiß auch LeShan (1993) seine Beobachtungen und Hypothesen zur Lebensmelodie nur psychoneuroimmunologisch zu untermauern. Unerklärt bleibt, wie jemand (innerhalb kürzester oder auch längerer Zeit) entgegen medizinischen Prognosen heilt. Wieso geht eine bestimmte Form der Persönlichkeitsentwicklung (Selbstverwirklichung) mit der Rückläufigkeit von degenerativen Prozessen und irre­versiblen Dysfunktionen einher? Wie kann eine geistige Veränderung so machtvoll sein, dass sie direkt stoffliche (atomare) Veränderungen hervorruft, die jenseits des medizinisch Machba­ren liegen? Diese Fragen sind nicht nur mit Blick auf medizinisch als unheilbar geltende Erkrankun­gen wie Allergie, Karies oder Krebs interessant, sondern für jede Art von Krankheit. Antworten lassen sich aber nicht innerhalb von Modellen finden, die weltanschaulich auf einem interaktionis­tischen Dualismus von Materie und Geist basieren, der auf die vom Philosophen René Descartes im 17. Jahrhundert formulierte Teilung der Natur in zwei unabhängige Bereiche von Geist und Materie zurückgeht. Diese bis heute im Hauptstrom von Medizin und Psychologie fortbestehende Sichtweise ignoriert, dass Anfang des 20. Jahrhunderts die moderne Physik aufgrund revolutionärer Entdeckungen ihre klassischen Vorstellungen von Raum, Zeit, Mate­rie, Ursache und Wirkung revidieren musste. Hier sehe ich eine Erklärung für die oben unter Abschnitt 1 beschriebene Stag­nation in der Gesundheitspsychologie, nämlich dass sie sich zu sehr an einer Medizin orientiert, die ihrerseits an einem überholten Weltbild haftet:

 

wir [erörtern] in der Medizin die Frage, wie Geist und Materie zusammenhängen, in Begriffen der Physik des 17. Jahrhunderts. … weil die Medizin wie die meisten anderen inexakten Wissenschaften in gewissem Sinne stets neidisch auf die Physik war. Sie hat sich immer gewünscht, die von der Physik demonstrierte Präzision ebenfalls zu verkörpern. (Dossey, 1986, S. 35)

 

Ergebnis meiner in Abschnitt 1 und 2 skizzierten Literaturanalyse (ausführlich: Meller, 2008) ist, dass offensichtlich eine Kluft zwischen klinischer Praxis und ge­sundheitspsychologischer Theorie besteht, die auch politische Implikationen hat: Denn nur ge­sund­heitsbezogene Maßnahmen (zum Beispiel Kranken-kassenleistungen, Budgets für Bildung), deren Wir­kung wissenschaftlich belegt ist, werden finanziert. Das ist mir 2003 eine gesundheitspsycholo­gi­sche Anstrengung wert, die ich 5 Jahre lang neben meiner psy­cho­therapeutischen Praxis realisiere und auf diese Weise finanziere. Ziel ist, einen theoretischen Beitrag zu erbringen, mit dem medizinisch und gesundheitspsy­cho­logisch bislang unerklärliche Heilungen rational beschrieben werden können, so dass sich dadurch empi­risch neue Herangehensweisen zur Überprüfung dieser Zusammenhänge eröffnen.

 

 

3. Lösungsweg


Integrative Theoriebildung mit moderner Physik

 

Ansatzpunkt für meine Theoriebildung sind kognitiv-emotionale Entwicklungen der Persönlichkeit (Selbstverwirklichung) und deren salutogene Wirkung im Denkrahmen einer Ganzheitsvorstellung, wie sie aus Erkenntnissen der modernen Physik abgeleitet werden kann. Ich beschreibe deshalb zunächst, wie man mit Hilfe der Quantentheorie die gedankliche Spaltung von Leib und Seele überwindet.

 

 

3.1 Ableitungen aus der Quantenphysik

Begründung einer einzigen psychophysischen Wirklichkeit anstelle einer gedanklichen Spaltung von Geist und Materie

 

Die Quantentheorie ist eine mathematisch vollständige Wiedergabe sämtlicher quantenphysikalisch beobachtbarer Phänomene (Zeilinger, 2005). Sie gilt als „empirisch bestbestätigte (…) Natur­beschreibung“ (Atmanspacher, 1996a, S. 22) und enthält drei präzise Konzepte von materieller Ganzheit: Einheit, Ungeteiltheit (Holismus) und Komplementarität, die das klassische Verständnis von Materie erschüttern und sich an der berühmten Doppelnatur des Lichts nachvollziehen lassen. Für das adäquate Verständnis der Quantentheorie empfiehlt der Physiker Atmanspacher (1996a) in Anlehnung an Scheibe (1964) die Unterscheidung zwischen ontischer und epistemischer Beschrei­bung[2]. Mit der ontischen Ebene ist eine abstrakte, potenzielle, der direkten Beobachtung nicht zu­gängliche Realität gemeint (zum Beispiel Licht ist Welle und Teilchen zugleich), während die epistemische Ebene unsere Wahrnehmung der Welt, unsere Wechselwirkung mit ihr und unser Wissen über sie beschreibt (zum Beispiel manifestiert sich Licht je nach Versuchsaufbau als Teilchen oder Welle).

 

Entschei­dend für den Übergang von der ontischen zur epistemischen Ebene ist, dass sich die epistemischen Erkenntnisse auf gemessene und beobachtete Tatsachen beziehen. Die zwei Ebenen sind nicht unabhängig voneinander und keine der beiden Beschreibungen ist die einzig richtige. Sie bilden eine kompatible Einheit und erst auf dieser Basis ist ein umfassendes Naturverständnis möglich. Mathematisch wird das in der Quantentheorie durch eine Wahrscheinlichkeitswelle (auch Wellen­funktion genannt) beschrieben, mit der sich zwar keine genaue Voraussage, aber immerhin die Wahrscheinlichkeit der Anwesenheit eines Teilchens bestimmen lässt (Chown, 2006). Das zerstört allerdings die klassische Vorstellung von Materie als Festkörper zugunsten wellenartiger Wahrscheinlichkeitsbilder[3].

 

Die Situation vor einem Experiment ist ontischer und danach epistemischer Art. Je nachdem, was im physikalischen Experiments beobachtet werden soll, entstehen unterschiedliche epistemische Realisierungen (Licht manifestiert sich als Teilchen oder Welle). Konzeptuell lässt sich das mit dem Heisenberg-Schnitt beschreiben, durch den die nichtlo­kalen Korrelationen[4] „zwischen einem zu beobachtenden Objekt und dem Rest des Universums (…) verloren gehen“ (Atmanspacher, 1996a, S. 31) und Teile entstehen. Dieser Schnitt ist nicht naturge­gebenen, sondern stellt eine willkürliche Wahl darüber dar, was gemessen werden soll[5]. Er ist nicht identisch mit dem cartesischen Schnitt, der materielle und geistige Realität voneinander trennt. Aber die Wahl des Heisenberg-Schnitts erfolgt im Bewusstsein des Beobachters, also innerhalb der geistigen Realität. Damit ist der Heisenberg-Schnitt keine materielle Realität, sondern ein konzep­tuelles Instrument (Atmanspacher, 1996a). Zudem ist er abhängig vom cartesischen Schnitt: Der Heisenberg-Schnitt beschränkt sich nur deshalb auf die materielle Realität, weil diese zuvor mit dem cartesischen Schnitt epistemisch kreiert wurde!

 

Hier zeigt sich also die logische Grenze einer rein phy­sikalischen Vorstellung von Ganzheit: Die physikalische Beschreibung stellt nur eine episte­mische Perspektive dar, die für sich allein nicht die ontische Ganzheit erfasst, sondern zu komple­mentieren ist (Atmanspacher, 1996a)! Diese erkenntnistheoretische Argumentation bildet gemein­sam mit Erkenntnissen aus dem Pauli-Jung-Dialog[6] (Meier, 1992) die Basis, auf der ich später nach Aufarbeitung des Selbstverwirklichungsbegriffs und seiner Abgrenzung zur Selbstentfremdung (Abschnitt 3.2) den Zusammenhang von Gesundheit und Selbstverwirklichung erkläre (Abschnitt 3.3).

 

 

3.2 Ableitungen aus der Klinischen und der Gesundheitspsychologie

Herleitung und Entwicklung des triadischen Konzepts der Selbstverwirklichung als eine besondere Form der Autonomie

 

Selbstverwirklichung als philosophischer Terminus wurde von Georg W. F. Hegel unter Bezug auf Immanuel Kants Willenskonzept, das er als Wille zur Selbstverwirklichung interpretierte, eingeführt und reflektiert (Paulus, 1994; Jüttemann, 2005)[7]. Die heutigen theoretischen Auslegun­gen divergieren zum Teil dermaßen, dass Huber (1981) seiner Überblicksarbeit folgende prätheore­tische, alltäglich-kommunikative Bedeutung von Selbstverwirklichung voranstellt:

 

Selbstverwirklichung meint immer schon…, dass der Mensch innerhalb seiner vielfältig bedingten, schicksalhaft vorgegebenen Lebenssituation sein Anlageganzes, seine eigensten Möglichkeiten, seine innersten Kräfte und Mächte im konkreten Handeln zur Wirklichkeit seines gelebten Daseins vollzieht. (Huber, 1981, S. 6)

 

Theoretische Konzeptionen von Selbstverwirklichung (Überblick: Paulus, 1994) finden sich in der Humanistischen Psychologie, der Neo-Psychoanalyse und der Existenzialistischen Psychologie. Selbst im Behaviorismus gibt es eine ganz kleine Spur der Selbstverwirklichung, die auf die ubi­quitäre Relevanz schließen lässt: Mit der kognitiven Wende gerieten vermittelnde Kognitionen (zum Beispiel Bewertungen, Pläne oder Erwartungen) und Selbststeuerungsfähigkeiten in den Fokus, auch wenn das menschliche Bewusstsein nicht so weitgehend konzipiert wurde wie in den zuvor genannten Strömungen. Ich entwickle meinen Ansatz ausgehend von den integrativen Vorarbeiten von Paulus (1994) und Jüttemann (2002, 2005, 2007). Beide Ansätze kommen ohne ein inhaltlich zu spezifizie­rendes Selbstverwirklichungsmotiv aus und konzentrieren sich konzeptuell auf die Selbstbestimmung des inten­tional handelnden und interagierenden Menschen. Dadurch sind sie aber bei näherer Prüfung nicht geeignet, eine präzise Abgrenzung von einer anderen Form der Selbstbestimmung, näm­lich der Selbstentfremdung, vorzunehmen. Diese drückt sich unter anderem in Missbefinden wie Sinnlo­sigkeit oder Langeweile aus, sofern solches Erleben nicht durch ablenkende Verhaltensweisen und Emotionen maskiert wird.

 

Mit Horney (1985) lässt sich Selbstverwirklichung klar von Selbstentfremdung abgrenzen. Sie greift dafür auf die von Donald W. Winnicott eingeführte Unterscheidung zwischen wahrem und falschem Selbst zurück. In einer (teilweise) despektierlichen Umgebung aufwachsend (was „nur“ Ignoranz über Abwertung bis hin zu roher körperlicher Gewalt bedeuten kann), unterdrückt das Kind sein wahres Selbst, um schlechter Behandlung zu entgehen. Daraus resultiert eine Ver­minderung des Selbstwertgefühls, auf das die heranwachsende Person mit Entwicklung neurotischer Strukturen und einem Selbstideal reagiert. Auf dieses idealisierte falsche Selbst verlagern sich nun die ursprünglich nach Selbstver­wirk­lichung strebenden Kräfte. So kommt es zur Trennung vom wahren Selbst und damit zur Selbstentfrem­dung[8].

 

Am einfachsten lässt sich das wahre Selbst als „Gesamtumfang aller psychischen Phänomene im Menschen“ (Jung, 1921, 1967, zit. nach Kast, 1986, S. 114) beschreiben. Es ist unser unmittelbares Erleben, also das, was in uns geschieht, noch bevor wir etwas damit anstellen (zum Beispiel manipu­lieren, beschönigen, bagatellisieren, aufbauschen, ignorieren etc.). Dieses ursprüngliche Sein kann angenehme wie auch unan­genehme Zustände umfassen, zu denen wir aber nur stehen, wenn wir uns mit ihnen annehmen. Berücksichtigen wir das wahre Selbst fort­laufend und angemessen in unserem täglichen Handeln, verwirklichen wir ein subjektiv stimmiges Leben, das uns voll und ganz entspricht. Wenn wir jedoch (teilweise) aus biografisch und kulturell erlernter Angst, Scham etc. unser wahres Selbst verleugnen und uns bzw. anderen etwas vortäuschen, hat unser Leben we­niger mit dem zu tun, der wir wirklich sind, sondern mit dem, der wir gerne sein wollen. Das ist Selbstentfremdung: Wir unterdrücken unser wahres Selbst und leben hinter der Fassade des falschen Selbst. Wichtig: Es geht hier nicht um normativ richtiges oder falsches Han­deln! Wahres und falsches Selbst lassen sich nicht objektiv von einan­der unterscheiden, sondern ausschließlich über ein subjektives Gefühl von Stimmigkeit bzw. Unstim­migkeit.

 

Man findet das wahre Selbst nicht nur einmal, sondern immer wieder neu durch kontinuierliche Öffnung für das eigene Werden (Auchter, 2006; Kast,1986). Was gestern noch stimmig schien, kann heute bereits unpassend sein. Das wahre Selbst darf also keinesfalls als neues Ich-Ideal missverstanden werden, woraus eine lebenslange und zudem illusionäre Suche resultieren würde; dennoch beschreibt es etwas primär Eigenes, das sich weder biologistisch noch intersubjektiv-interaktionistisch hinreichend erklären lässt, sondern „metaphysische, ja mystische Assoziationen“ weckt (Lesmeister, 2006, S. 24). Möglicherweise entspricht das wahre Selbst dem, was LeShan (1993) metaphorisch mit Lebensmelodie bezeichnet (vgl. ähnlich: Linemayer, 1995). Beide Ausdrücke verweisen auf eine individuelle Stimmigkeit!

 

Mit Frankl (1985), der das nationalsozialistische Vernichtungslager Auschwitz überlebte und dort unter un­sagbaren Druck von Hunger und Schmerz konstruktiv zu reifen und zu handeln wusste, belege ich, dass Selbst­ver­wirklichung für einen erwachsenen und seiner selbst bewussten Menschen ein von Privilegien unabhängiger und sehr ernsthafter Vorgang sein kann, der nichts mit ver­antwortungsloser Selbstbezogenheit, mangelnder Leistungsbereit­schaft und Desinteresse an ge­sellschaftspolitischen Problemen zu tun hat. Selbstverwirklichung bedeutet sein wahres Selbst anzunehmen und konkret im Außen handelnd umzusetzen. Die eben erfolgte Betonung von „erwachsen und selbstbewusst“ soll klarstellen, dass ich Frankls Leistung angesichts massivster Respektlosigkeit (im Sinne körperlicher Vernichtungsgewalt) nicht einfach einem fünfjährigen Kind zuschreibe, das von seiner Umwelt (subtil) misshandelt wird.

 

Ich schließe meine Kontrastierungs- und Integrationsarbeit bezüglich der unterschiedlichen Ansätze mit der Konzipierung von Selbstverwirklichung als Trias (siehe Abbildung): Das erste Element Selbstbestimmung muss sich fortlaufend auf zwei weitere, nämlich inneres Wachstum (wachsende Kongruenz zwischen Selbsterfahrung und Selbstkonzept) und äußere Konsequenz[9] (wachsende Kongruenz zwischen Selbstkonzept und Handeln), beziehen, damit ein von Selbstentfremdung unterscheidbarer Entwicklungsprozess definiert ist.

 

selbstverwirklichung-als-triadisches-konzept

 

 

3.3 Synthese und Erweiterung

Transfer: Herausarbeitung von Selbstverwirklichung als salutogenetisches Prinzip

 

Versteht man den Menschen als ontische Ganzheit, setzt sich sein Leben aus vielen selbstbestimmten epistemischen Realisierungen zusammen. Unter der quanten- und erkenntnistheoretisch stützbaren Prämisse, dass Selbstverwirklichung und Selbstentfremdung komplementäre Selbstbestimmungsformen darstellen, die jeweils mit Gesundheit bzw. Krankheit in nichtlokaler Korrelation stehen (holistische Verschränkung), ist Selbstverwirklichung instantan ein salutogenetischer Prozess (das heißt, es heilt und stärkt sich selbst zu verwirklichen). Im Leben einer Person findet man in unterschiedlichen Anteilen sowohl Akte der Selbstverwirklichung als auch der Selbstentfremdung[10]. Jeder Akt stellt eine kom­ple­mentäre epistemische Realisierung der ontischen Ganzheit dar (das heißt, er schafft eine willkürliche Realität analog dem Legen eines Heisenberg-Schnitts) und geht untrennbar mit geistig-körperlicher Ver­än­de­rung einher. Ein günstiger Schnitt ermöglicht einen Akt der Selbstverwirklichung, der nichtlokal mit Gesundheit korreliert ist; ein ungünstiger Schnitt bewirkt Selbstentfremdung, die mit Krankheit nichtlokal korreliert ist. Beide komplementäre Seins-Formen stellen unterschiedliche Er­fahrungen desselben dar. Deshalb ist es ontisch betrachtet auch gleich, ob die Erfahrung in Krankheit oder Ge­sundheit gemacht wird. Aber aus epistemischer Sicht unterscheiden sich beide Erfahrungen genau­so deutlich wie die Doppelnatur des Lichts.

 

Eine Person kann viele Mikro-Gesundheits- und Krank­heitszeichen (Symptome) zugleich aufweisen, die zu individuellen Gesundheits-Krankheits-Mustern (medizinisch diagnostizierbare Krankheits-bilder) kumulieren können. Mit dieser Sicht kann man schlagartig auftretende Erkran­kungen und Heilungen wissenschaftlich nachvollziehen, genauso wie auch langsamere Entwick­lun­gen in die eine oder andere Richtung.

 

Die Schulmedizin kennt für viele Erkrankungen zwar die zugrunde liegenden Fehlfunktionen, aber nicht die Ursache für diesselbigen. Zum Beispiel heilt eine Person unter rein substituierender Be­handlung nur selten von einer Stoffwechselstörung. Warum sollte der Organismus auch wieder anfangen, bestimmte Hormone zu produzieren, wenn ihm diese täglich medikamentös zugeführt werden, ohne dass die komplementäre epistemische Realität (ein entsprechender Akt der Selbstverwirklichung) gefördert wird? Heilung bedeutet seine persönliche Ganzheit in zuneh­mender Gesundheit zu leben, während sie in Krankheit symptomatisch erfahren wird. An die Stelle des natürlichen Spürens von sich selbst tritt das Leiden durch Krankheit. So drängen die Teile, von der sich die Person durch ungünstige Schnitte entfremdete, auf komplementäre Weise ins Be­wusstsein.

 

In der Psychotherapie ist dies ein grundsätzlich vertrauter Gedanke, auch wenn er dort nur psychischen und bestimmten psychosomatischen Störungen vorbehalten ist. Je nach The­rapieschule sind solche Überlegungen zur (unbewussten) Krankheitsfunktion unterschiedlich elaboriert. Meine Sicht von Salutogenese durch Selbstverwirklichung bietet eine integrative Episteme und ermöglicht außerdem die Anwendung auf sämtliche Krankheitszeichen (Beispiele: Meller, 2008). Heilung geschieht in dem Maße, wie an die Stelle von Selbstentfremdungen zunehmend Selbstverwirkli­chungen treten. Eine Manipulation durch Chemie, Stahl und Strahl kann Leben retten, wenn die degenerativen Veränderungen bereits so weit fortgeschritten sind, dass ohne solche Eingriffe die Lebenszeit nicht ausreicht, um eine Kursänderung vorzunehmen. Vielleicht würde sie schon ausreichen, aber je gravierender die Erkrankung, desto größer und umfassender ist die Herausforderung zur Rehabilitierung des wahren Selbst und das kann (nicht nur unter Zeitdruck) erhebliche Angst bereiten.

 

Krankheit repräsentiert hier weder Schuld noch Strafe (wie bestimmte Religionen annehmen). Es erweitert sich lediglich die Eigenverantwortung, die sich im cartesischen Weltbild auf den Umgang mit sogenannten Risikofaktoren (zum Beispiel Rauchen, ungeschützter Sex, UV-Strahlung) und die Stärkung von Ressourcen (zum Beispiel Sport, Freunde, Ernährung) beschränkt. Bereits Platon sah in Krankheit einen schicksalhaften Hinweis zur Korrektur der Lebensweise (Lorenz, 2005). An den Rändern unterschiedlicher Fachbereiche gibt es mannigfaltige Beschreibungen von Krankheit als Möglichkeit zur Selbstheilung (vgl. zum Beispiel Mitscherlich, 1969; Teegen, 1983; Beck, 1985; Dossey, 1986; Lutz & Mark, 1995; Dahlke 2002; Miller, 2005; Hafen, 2007). Allerdings überzeugen die unterschiedlichen Erklärungsversuche entweder nicht bei der Beantwortung der Frage, wie Geist und Körper so intensiv zusammenspielen können, oder sie sind zwar quantentheoretisch inspiriert (z. B. Teegen, 1983; Dossey, 1986; Pelletier, 1987), arbeiten aber nicht Selbstverwirklichung als zentrales Konzept für salutogenetisches Geschehen heraus!

 

Krankheit als schmerzliche Seins-Erfahrung kann uns zur Verzweiflung bringen, uns andererseits aber als „Schlüsselerlebnis“ (Lutz & Mark, 1995, S. 15) motivieren, innezuhalten und Veränderung zuzulassen. Ähnlich spricht Dossey (1986, S. 93) von „Krankheitsstadien“ als „Bewusstseinsstadien“. Deshalb bleibt Heilung bis zum letzten Atemzug ein Ziel, denn gerade auf dem Sterbebett können intensive Reifungsprozesse durchlaufen werden, die einen friedlichen Übergang erleichtern! Sterben ist nicht das Resultat ärztlichen oder persönlichen Versagens, sondern das angemessene Enden eines individuellen Lebensweges, auf dem der je­weilige Mensch bis zum Schluss reifen, also immer mehr er selbst wer­den darf.

 

Nicht jeder Erkrankter und nicht jeder Sterben­de wird diesen Prozess vollziehen wollen und das ist dann zu akzeptie­ren. Denn auch wenn ich Hoffnung auf Heilung stiften möchte, will ich nicht der Ideologie das Wort reden, die Gesundheit über alles stellt und Krankheit aus wirtschaftlichen, utilitaristischen oder anderen Gründen auszumerzen versucht. Es sei in aller Deutlichkeit gesagt: Gesundheit und Krankheit sind gleichberechtigte Lebensäußerungen menschlichen Daseins. Krankheit und Sterben gehören zum Leben, es gibt keine Pflicht zur Heilung und kein Gebot, wie gestorben werden soll. In einer Demokratie, in der die Freiheit des Men­schen verfassungsrechtlich verankert ist, ist auch Krankheit als Manifestation dieser Freiheit zu achten. In der Krankheit gelangt etwas zum Ausdruck, was in der Selbstentfremdung abhanden kam. Einen solch unbestechli­chen Indikator ausmerzen zu wollen, wäre ein ele­mentarer Verstoß gegen die Würde des Menschen.

 

 

4. Diskussion


Bezüge zu anderen Theorien

 

Mit der salutogenetischen Trias der Selbstverwirklichung könnte ein Rückbezug zu dem in den 1980er Jahren von der WHO vorgeschlagenen Konzept der Lebensweisen (Versteegen, 1989; Kardorff, 2003) entstehen. Gesundheitsrelevante Verhaltens-weisen sind in ein komplexes Zusam­menspiel aus Einstellungen, Gefühlen und Handlungen eingebunden, also in (milieutypische, ge­schlechts­spezifische und lebensphasenabhängige) Lebens-weisen, die durch Phänomene der so­zia­len Anpassung und durch Gruppendruck beeinflusst werden. Die salutogenetische Trias knüpft hier an, betont jedoch die Freiheit zur Selbstbestimmung und beschreibt mit den Facetten inneres Wachstum und äußere Konsequenz potenziell wachsende Unabhängigkeit gegenüber sozialem Druck.

 

Zu dem systemischen Anforderungs- und Ressourcen-Modell (SAR-Modell)[11] von Becker (2006) besteht kaum Ähnlichkeit. Zwar führt Becker (2006) eine bedürfnistheoretische Perspektive ein, aber auf Modellebene resultiert Gesundheit doch wieder nur aus dem Verhältnis von Schutz- und Risikofaktoren. Im SAR-Modell ist die Bewältigung von Anforderungen, wie sie aus Bedürfnissen nach Selbstaktualisierung enstehen, ein optionaler salutogenetischer Weg. Im Unterschied dazu besagt die salutogenetische Trias, dass Selbstverwirklichung entscheidend für Gesundheit ist.

 

Mein Ansatz könnte der Strömung der Positiven Psychologie (Seligman & Csikszent­mihalyi, 2000; Auhagen, 2004; Jork & Peseschkian, 2006) zugeordnet werden. Kennzeichnend für die Positive Psychologie sind die Ausrichtung auf das Positive (z. B. Tugenden und Ressourcen), der Anspruch auf wissenschaftliche Fundierung und die Absicht, positiv auf menschliches Erleben und Verhalten einzuwirken (Auhagen, 2004). Allerdings betone ich im triadischen Konzept, dass sich das Positive nicht vergegen-ständlicht greifen, sondern nur immer wieder neu durch stimmiges Handeln (Selbstbestimmung orientiert an innerem Wachstum und äußerer Konsequenz) entdecken lässt.

 

 

5. Ausblick


Künftige Forschung

 

Selbstverwirklichung als triadisches Konzept in der Gesundheitspsychologie integriert verschiedene theoretische Ansätze und bietet der Praxis der Gesundheitsförderung eine nachhaltige Perspektive. Um Salutogenese durch Selbst-verwirklichung empirisch nachzuweisen, sind ausschließlich Stu­dien geeignet, die den Gesundheits-Krankheits-Zustand umfassend[12] erheben. Denn sofern sich Korrelationen nur auf vereinzelte Ausschnitte beziehen (zum Beispiel nur auf ein Krankheitsbild wie Krebs), kann die Aussagekraft der Studie nur gering sein, da wir nicht wissen, von welchen ande­ren Symptomen die betreffende Person vielleicht noch betroffen ist.

 

Zur Unterstützung der Anwendungsforschung liefert meine Dissertation (Meller, 2008) einen Fragebogen zur Selbst-verwirklichung, der von den Teilnehmern vor und nach Interventionen (ergänzend zu frei for­mulierten Selbstauskünften) werden kann. Die Konstruktion erfolgte theoriegeleitet und wurde an zwei Stichproben in der Bundesrepublik Deutschland faktorenanalytisch überprüft. Außerdem erfolgten Validierungs­berechnungen an den Konstrukten Kohärenzgefühl (Antonovsky, 1997), Allgemeine Selbst­wirk­samkeitserwartung (Schwarzer & Jerusalem, 1999) und am Inventar Klinischer Persön­lich­keits­akzentuierungen (Andresen, 2006). Allerdings muss man bedenken, dass dieser Fragebogen nur einen epistemischen Erkenntniszugang darstellt und zwar bedingt durch die Methode seiner Konstruktion einen ziemlich engen. Trotz fachgerechter Opera­tionalisierung ist diese nicht identisch mit dem theoretischen Konstrukt, sondern bedarf epistemischer Kom­plementierung. Natürlich muss ich dasselbe auch vom triadischen Konzept der Selbstverwirklichung sagen, das seinerseits nur ein epistemisches Fenster darstellt. Erinneren wir uns, dass gemäß der ontischen Beschreibung das Ganze nicht mehr ist als die Summe seiner Teile, sondern es besteht überhaupt nicht aus Teilen“ (Atmanspacher, 1996, S. 28).

 

 

 

Literaturverzeichnis


 

Andresen, B. (2006). Inventar Klinischer Persönlichkeitsakzentuierungen (IKP). Göttingen: Hogrefe.

Antonovsky, A. (1997). Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit (Dt. erw. Hrsg. von Alexa Franke). Tübingen: DGVT-Verlag. (Original erschienen 1987: Unraveling the mystery of health – How people manage stress and stay well)

Aspinwall, L. G., Richter, L. & Hoffmann, R. R. (2001). Understanding how optimism works: An examination of optimists’ adaptive mo­deration of belief and behavior. In E. C. Chang (Hrsg.), Optimism and pessimism: Implications for theory, research, and practice
(S. 217–238). Washington, DC: American Psychological Association.

Atmanspacher, H. (1996). Erkenntnistheoretische Aspekte physikalischer Vorstellungen von Ganzheit. Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie, 38, Nr. 1/2, 20–45.

Auchter, T. (2006). Konzepte des Selbst in der Psychoanalyse von D. W. Winnicott. Selbstpsychologie: Europäische Zeitschrift für psychoanalytische Therapie und Forschung, 7 (2), 115–139.

Auhagen, A. E. (2004). Das Positive mehren. Herausforderungen für die Positive Psychologie. In A. E. Auhagen (Hrsg.), Positive Psychologie (S. 1–15). Weinheim: Beltz.

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Fußnoten


 

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1 Ich verwende den Begriff Salutogenese rein meta-theoretisch für eine nach der Aufrechterhaltung (Selbststärkung) und Förderung (Selbstheilung) von Gesundheit fragenden Haltung - also unabhängig von Antonov­sky (1997) spezifischen und stresstheoretisch konzipierten Modell der Salutogenese, in dessen Zentrum das von ihm entwickelte Persönlichkeitskonstrukt des Kohärenzgefühls (SOC) steht.

 

2 Diese Unterscheidung erscheint in der klassischen Mechanik, der Elektrodynamik und der Relativitätstheorie verzicht­bar, weil man dort so tun kann, als ob ontische und epistemische Ebene identisch wären (Atmanspacher, 1996a)

 

3 In der Quantenphysik werden die Ereignisse nicht durch lokale Ursachen ausgelöst, sondern das Verhaltens eines Teils ergibt sich durch seine nichtlokale, unmittelbare Beziehungen zum Ganzen. Da man diese Beziehung nicht genauer kennt, wird anstelle von Kausalität derzeit nur von Korrelationen gesprochen (Capra, 2005). Nichtlokale Korrelationen sind etwas völlig anderes als Wechselwirkungen (Atmanspacher, 1996a).

 

4 Siehe vorherige Fußnote.

 

5 Sobald die Untersuchungsperspektive festgelegt ist, lässt sich alles weiter Folgende „ohne jede Beteiligung außerma­terieller Einflüsse“ (Atmanspacher, 1996a, S. 32 in einer Fußnote) beschreiben.

 

6 Beide gehen von eine monistische Metaebene hinter oder jenseits von Materie und Geist aus, die der Analytiker Jung unus mundus nennt und der Physiker Pauli psychophysische Einheitswirklichkeit.

 

7 Damit ist nichts über zeitlich frühere und begrifflich anders geartete Thematisierungen in (östlicher) Philosophie, Religion, traditioneller Heilkunst etc. gesagt.

 

8 Diese Diskrepanz zwischen Selbsterfahrung und Selbsttheorie korrespondiert mit der durch Rogers (2007) be­kannt gewordenen Inkongruenz zwischen organismischer Erfahrung und Selbstkonzept.

 

9 Anstelle von „innerem Wachstum“ und „äußerer Konsequenz“ wählte ich damals in meiner Dissertation (Meller, 2008) die deutschen Begriffe „Selbstwerdung“ und „Selbstrealisierung“. Als ein paar Jahre später der Tag kam, sie ins Spanische zu übersetzen, stieß ich auf die Schwierigkeit, dass „Selbstrealisierung“ [span.: „autorrealización“] bereits die einzige Übersetzung von „Selbstverwirk­lichung“ ist und ich für „Selbstwerdung“ keine überzeugende Entsprechung fand. Also ersetzte ich die deutschen Be­griffe durch alltagsnähere Formulierungen, die mir jetzt sogar besser gefallen, weil ich sie klarer finde!

 

10  Das steht nicht im Widerspruch zur Komplementarität, die für jeden einzelnen Akt bestehen bleibt: Eine konkrete Handlung der Selbstverwirklichung, nennen wir sie „A“ schließt währenddessen eine Handlung der Selbstentfremdung („-A“) aus. Eine hinzukommende Handlung der Selbstentfremdung, nennen wir sie „-B“, schließt währenddessen eine Handlung der Selbstverwirklichung („B“) aus.

 

11 Es basiert auf konzeptuellen Vorläufern wie dem Stressbewältigungsmodell, Antonovskys Modell der Salutogenese (1997) und systemtheoretischen Ansätzen.

 

12 Richtungsweisend sind Duetz, Abel, Siegenthaler und Niemann (2006), die u. a. folgende Variablen erheben: selbst eingeschätzte Gesundheit; Er­fassung psychischer Symptome; chronische Krankheiten; Neuerkrankungen; Einschränkung durch chronische Krank­hei­ten; körperliche Fitness; Einschränkungen durch leichtere Erkrankungen; Medikamentenkonsum; Arztbesu­che.